Drehscheibe Betzdorfer Wochenmarkt

Drehscheibe Betzdorfer Wochenmarkt

Drehscheibe Betzdorfer Wochenmarkt

Viel ist in den vergangenen Jahren von sogenannten „Alleinstellungsmerkmalen“ die Rede. Betzdorf besitzt mit seinem Wochenmarkt dienstags und freitags wirklich eines, denn etwas Vergleichbares gibt es weit und breit nicht. An Wochenmarkt-Tagen – besonders wenn es trocken ist und womöglich die Sonne scheint – strömen die Menschen in die Sieg-Heller-Stadt, um zum einen ihre Einkäufe zu tätigen. Allerdings ist der Wochenmarkt auch eine soziale Drehscheibe, denn hier treffen sich Menschen, die sich sonst vielleicht eher selten sehen, und tauschen sich untereinander aus.

Am Markt-Konzept braucht niemand zu rütteln. Höchstens, dass die Öffnungszeiten an die Gewohnheiten der Menschen angepasst werden: Vor einiger Zeit wurde die Markt-Schlusszeit von 12 Uhr auf 13 Uhr verlagert, was dem Umstand geschuldet ist, dass die breite Masse der Kunden später erscheint. Das hindert viele Markbeschicker aber nicht, bereits um 4.45 Uhr in Betzdorf „aufzuschlagen“, sei es aus Gewohnheit, sei es, weil der frühe Vogel bekanntlich den Wurm fängt. Allerdings scheinen die Zeiten vorbei, da viele Kunden schon um 6 Uhr durch die Gässchen spazierten, um Schnäppchen zu machen. Heute füllen sich die Einkaufstaschen meist erst ab 9 Uhr.

Lange war gar nicht klar, seit wann es den Betzdorfer Wochenmarkt überhaupt gibt. Heut weiß man: Seine Spuren reichen ins 19. Jahrhundert zurück. Nach Angaben des Betzdorfer Geschichtsvereins gibt es den Markt seit dem 1. April 1879. Damals wurde er genehmigt und auf Freitag festgelegt. Er ging jedoch später ein, erst 1902 wurde ein Wochen-Gemüsemarkt genehmigt. Es ist allerdings nicht bekannt, ab wann der Wochenmarkt zweimal wöchentlich stattfand. Richtig „groß“ wurde er wohl erst Mitte der 1920er Jahre, als die Kunden mit Blick auf benachbarte Städte wie Hachenburg und Siegen einem mobilen Waren-Umschlagplatz eine Grundlage boten – mit wohlwollender Unterstützung der Behörden. Nach Unterbrechungen im Zweiten Weltkrieg war es nur eine Frage der Zeit, bis das Marktgeschehen vornehmlich in der Heller- und Bahnhofstraße wieder in Gang kam. Die „Koexistenz“ zwischen den „fahrenden Händlern“ und den „Alteingesessenen“ brauchte seine Zeit. Es wurden sogar Prozesse geführt um das Recht, auf dem Wochenmarkt auch Textilien und Kurzwaren feilzubieten, denn zuvor war es den Händlern nur erlaubt, landwirtschaftliche Produkte anzubieten. In der Nachkriegszeit war bekanntlich wenig Geld im Umlauf, insbesondere die fremden Händler wurden anfangs beargwöhnt. 1953 gab es Pläne, den Markt vom Zentrum der Stadt in die Rainanlagen (gegenüber dem ehemaligen Feuerwehrhaus) zu verlegen, weil der Markt zu viel Autoverkehr anzog. Besonders nach dem Neubau der Post war es sehr eng geworden. Auch eine Verlagerung zum „Deutschen Haus“ wurde diskutiert. Doch nicht nur viele (Textilien-)Händler, die sich abgeschoben fühlten, protestierten, auch die Feuerwehr legte ein Veto ein, da im Rainchen sog. „Freibankfleisch“ vorgehalten wurde, Hygienische Gründe sprächen also gegen den Standort, argumentierte die Feuerwehr. Und schließlich wollte man auch den Hausfrauen nicht zu weite Wege zumuten. Es blieb also alles beim Alten. Heute leben Geschäftsinhaber und Markthändler in gutem Einvernehmen. Beide Seiten wollen die jeweils andere nicht missen. Vorbei sind allerdings die Zeiten, da man das Pfund italienische Maikirschen für umgerechnet 50 Cent bekam und sich die Spargelpreise zwischen 1,60 und 2,20 DM bewegten. Wenn der Salat wuchs „wie’s Gewitter“, konnte man den Kopf auch für 10 PF erstehen. Vorübergehende Marktverlagerungen gab es immer mal wieder, zum Beispiel im staubtrockenen Sommer 1963, als in der Bahnhof- und Hellerstraße gebaut wurde. Im Juli 1966 grassierte im Kreis Altenkirchen (von Betzdorf ausgehend) eine Typhus-Epidemie, sodass Versammlungen aller Art für etwa einen Monat untersagt wurden. Ein besonderes Erlebnis ist der Betzdorfer Wochenmarkt jedes Jahr im Frühling, wenn die Zahl der Marktstände mit jeder Woche zunimmt und sich zartes Grün und die ersten Blüten ein Stelldichein geben. Das Auge kann sich gar nicht sattsehen an den Farben und Formen. Erst gegen Ende Oktober wird es wieder ruhiger. Wenn sich die Toten-Gedenktage ankündigen, findet man ein großes Angebot von Herbstblumen und Kranzsschmuck. Dass der Wochenmarkt auch einen Spiegel der Jahreszeiten darstellt, gehört zum unverwechselbaren Flair, das er verbreitet.

Quelle: Text von Dr. Andreas Goebel und Ernst-Helmut Zöllner, entnommen der Siegener Zeitung vom 24. November 2011

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