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Zwischen Regalen und Realität – warum die Stadtbücherei Betzdorf längst mehr ist als ein Ort für Bücher


Ein Pressetermin im Dezember legt offen, was sonst gern übersehen wird: Bildung geschieht nicht nur im Klassenzimmer, sondern dort, wo Menschen sich begegnen. Bürgermeister Joachim Brenner war präsent und mit ihm eine Einrichtung, die leise arbeitet, aber laut wirkt.


Foto: Links Dorothee Stöcker-Michael, Leiterin der Stadtbücherei Betzdorf, und rechts Bürgermeister Joachim Brenner beim Pressetermin im Dezember.


Die Stadtbücherei, organisatorisch Teil der Verwaltung, ist längst zu einem gesellschaftlichen Resonanzraum geworden. Dorothee Stöcker-Michael, Leiterin der Bücherei, sprach nicht in wohlfeilen Visionen, sondern in Zahlen – und die haben Gewicht. Rund 80.000 Ausleihen pro Jahr, 455 Neuanmeldungen allein bis November 2025, insgesamt 5.400 registrierte Nutzer, davon etwa 2.000 aktiv. Zwischen 14.000 und 16.000 Menschen gehen jährlich ein und aus. Für eine kommunale Bibliothek dieser Größenordnung ist das bemerkenswert, für eine Region ohne urbane Ballungsräume erst recht. Doch Zahlen erklären nur einen Teil. Entscheidender ist, wer hier ein- und ausgeht. Kinder aus Kitas und Grundschulen, ganze Klassen des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums, ältere Menschen, die sich erstmals an E-Book-Reader heranwagen, Familien mit Migrationsgeschichte, Jugendliche, die hier im Rahmen eines sozialen Arbeitsdienstes Verantwortung übernehmen, begleitet durch die Zusammenarbeit mit „Die Brücke e. V.“ Unter Aufsicht reinigen sie Regale, helfen bei einfachen Aufgaben, lernen Strukturen kennen. Es ist ein unspektakulärer, aber wirksamer Ansatz von Teilhabe.

Die Bücherei wirkt als Begegnungsraum jenseits sozialer Schranken. Bildung soll kein Privileg sein. Gerade für Familien mit Zuwanderungsgeschichte erweist sich Stöcker-Michael als Multiplikatorin: Kinder kommen, Eltern folgen. Sprache, Lesekompetenz und kulturelle Orientierung werden hier nicht doziert, sondern gelebt. Inhaltlich hat sich die Bücherei konsequent weiterentwickelt. Neben Romanen, Krimis, Biografien und Erzählungen finden sich zunehmend Titel, die über soziale Medien empfohlen werden – sogenannte „BookTok“-Bücher. Gemeint sind Leseempfehlungen, die auf Plattformen viral gehen und vor allem Jugendliche wieder für Bücher begeistern. Ein Phänomen, das die Bücherei nicht belächelt, sondern klug integriert.

Ein erheblicher Teil der Ausleihen entfällt zudem auf „Tonies“, kleine Figuren, die auf eine Hörbox gestellt werden und Kindern Geschichten oder Musik abspielen. Sie verbinden haptisches Spiel mit auditivem Lernen. Ergänzt wird das Angebot durch Tiptoi-Stifte, mit denen Kinder Bücher interaktiv entdecken können: Antippen, zuhören, verstehen. Dazu Gesellschaftsspiele, Klassiker und ein breit genutztes digitales Portfolio. Die Onleihe, also die digitale Ausleihe von E-Books, Hörbüchern und Zeitschriften, wird generationsübergreifend genutzt. Ältere Besucher lassen sich in der Bücherei ihre E-Reader einrichten - geduldig, persönlich, ohne Zeitdruck. Dankbarkeit ist hier keine Floskel, sondern spürbar. Hinzu kommt der digitale Brockhaus: eine zitierfähige Enzyklopädie, verlässlich, geprüft, geeignet für Haus- und Facharbeiten, ein bewusstes Gegengewicht zur Beliebigkeit des Internets.

Auch als Lernraum hat sich die Bücherei etabliert. Mit der landesfinanzierten Testreihe SofaTutor steht ein digitales Lernangebot zur Verfügung, das sicher, geprüft und vor Ort begleitet ist. Bildung findet hier nicht nebenbei statt, sondern strukturiert und verantwortungsvoll. Bürgermeister Joachim Brenner fand dafür klare Worte. Bildung sei in einem Land ohne Bodenschätze keine Option, sondern Überlebensstrategie. Er zitierte John F. Kennedy: „Bildung ist teuer, aber nichts ist teurer als keine Bildung.“ Und fügte hinzu: „Eine Nation, die Bildung und Kulturarbeit vernachlässigt, geht einer bösen Zukunft entgegen.“ Die Stadtbücherei, so Brenner, zeige exemplarisch, wie Chancengleichheit praktisch organisiert werden könne.

Dass dies gelingt, liegt auch an einem starken Netzwerk: Kooperationen mit Kitas, Schulen, der katholischen Kirche, St. Ignatius und dessen Mediaki, ehrenamtlich getragene Angebote wie der Literaturkreis oder die Schultütenaktion. Der Lesesommer bildet dabei die größte Einzelveranstaltung, ein niederschwelliger Einstieg in eine Welt, die vielen sonst verschlossen bliebe. Im Januar 2026 feiert die Stadtbücherei ihr 25-jähriges Jubiläum. Mit Micha Krämer in der Stadthalle wird das kein nostalgischer Rückblick, sondern ein Ausblick. Denn diese Bibliothek verwaltet nicht nur Medien - sie investiert in Menschen.

Und genau darin liegt ihre Aufgabe.